Der heilige Gral

Das Mysterium (insbes.) aus Sicht der Rosenkreuzer:

Teil 1: Das Mysterium des Heiligen Grals
Die Schlüsselfrage und die Vision des Hermes Trismegistos

Das Mysterium des Heiligen Grals hat seit Jahrhunderten die Menschen bewegt. Wie in Wellenbewegungen tauchten immer wieder Legenden über den Gral auf. Was treibt die Menschen eigentlich bis auf den heutigen Tag dazu, nach der Wahrheit hinter diesem Mythos zu suchen?

Auch im 20. Jahrhundert wurde das Interesse am Gralsmotiv durch die verschiedensten Publikationen geweckt: Die einen stellen einen physischen Kelch oder eine Schale in den Vordergrund, andere vermuten eine Blutslinie, die bis zurück zu angeblichen Nachkommen von Jesus reicht.

Für den spirituell orientierten Menschen in unserer Zeit geht es jedoch darum, die seelisch-geistige Botschaft hinter den mythischen Bildern zu entschlüsseln und auf den eigenen inneren Weg anzuwenden. Das ist auch das Anliegen dieser vierteiligen Artikelreihe.

Der Schlüssel zum Gralsmysterium ist in einer Frage verborgen

In verschiedenen Überlieferungen der Gralslegende (1) heißt es, dass Parsifal bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg unvorbereitet dorthin gelangt und nicht versteht, was ihm begegnet. Er wird mit Spott zurückgeschickt, weil er die entscheidende Frage nicht stellt. Erst nachdem er durch viele Irrfahrten und Prüfungen reif geworden ist, gelangt er zum zweiten Mal in die Gralsburg und stellt die entscheidende Frage: „Oheim, warum leidest du?“

Wenn man diese Frage einmal losgelöst von allen legendären Zusammenhängen betrachtet und direkt auf die Situation des heutigen spirituellen Menschen anwendet, dann kann man sagen, dass Unzählige vielleicht schon einmal in der Sphäre der Gralsburg waren, die Situation nicht begriffen und die entscheidende Frage nicht stellten. Dabei darf man sich diese Situation nicht so romantisch wie in der Legende vorstellen. Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich die quälende Frage nach dem Sinn und Ziel des Lebens im eigenen Inneren aufsteigt – und das, obwohl äußerlich betrachtet alles in bester Ordnung ist. Trotzdem leidet etwas im eigenen Wesen und fragt: Das kann doch nicht alles sein?

Geht man in diesen Situationen nicht sehr schnell wieder zur Tagesordnung über, nach dem Motto „Bloß nicht darüber nachdenken“? Der Mensch stellt dann die entscheidende Frage nicht, die lautet: Was genau leidet da in mir? Was für eine Sehnsucht ist das eigentlich in mir, die niemals Ruhe gibt, obwohl es mir doch eigentlich gut geht?

Das Mysterium des Grals ist gerade in dieser entscheidenden Frage verborgen. Hier ist der Schlüssel zur Gralsburg zu finden. Im Verlauf dieser Artikelreihe werden dieser Schlüssel und die Gralsburg noch näher untersucht. Zunächst soll jedoch über die älteste Gralsvision berichtet werden, die überliefert ist.

Die Gralsvision des Hermes Trismegistos

Die Urform des Grals-Motivs lässt sich bis in das Alte Ägypten zurück verfolgen. In den Schriften des Hermes Trismegistos, im 7. Buch in den Versen 8-9 steht:

„Gott hat einen großen, mit den Kräften des Geistes gefüllten Krater
in die Tiefe gesandt und einen Botschafter mit dem Auftrag bedacht,
den Herzen der Menschen zu verkünden:

‚Taucht hinein in diesen Krater, ihr Seelen, die ihr es vermöget.
Ihr, die glaubet und vertrauet, dass ihr aufsteigen werdet zu Ihm,

der dieses Mischgefäß in die Tiefe gesandt hat. 
Ihr, die ihr wisset, zu welchem Ziele ihr erschaffen worden seid.
Alle, die dieser Verkündigung Gehör geschenkt haben und – durch Untertauchen in die Kräfte des Geistes – gereinigt worden sind, haben an der 
lebendigen Kenntnis Gottes, der Gnosis, 
Anteil bekommen und wurden, 
da sie den Geist empfangen hatten, vollkommene Menschen.“ (2)

Soweit die erste Vision vom Heiligen Gral in den hermetischen Schriften. Sie zeigt uns den Gral als eine Handreichung Gottes, als ein heiliges Gefäß, das sich gleichsam zwischen Gott und den Menschen befindet. Gottes Lichtkraft kann sich in dieses Gefäß ergießen, und aus diesem Gefäß werden dann die Menschen mit unvergänglicher, geistiger Nahrung gespeist.

Falsche oder richtige Interpretationen?

Wie kommt es, dass diese Vision aus bereits vorchristlicher Zeit ihre inspirierende Kraft über die Minnesänger des Mittelalters bis in unsere Zeit bewahrt hat? Nicht nur in den alten Überlieferungen von Minnesängern wie Chrestien de Troyes, Robert de Boron und Wolfram von Eschenbach finden wir das Gralsmotiv wieder.

Allein in den letzten hundert Jahren ist eine Fülle von Büchern über den Gral erschienen. Richard Wagner hat mit seinen Opern „Parsifal“ und „Lohengrin“ das Gralsmotiv für die Kultur des 20. Jahrhunderts lebendig erhalten und neu interpretiert. Filme haben das Thema in oft sensationsbetonter Weise aufgegriffen. Zuletzt sorgte der Film „Sakrileg“ für Aufsehen, in dem der Gral letztlich als Person aus Fleisch und Blut 
in Gestalt einer jungen Frau aus der leiblichen Nachkommenschaft Jesu verstanden wurde. Ist das falsch? Ist das richtig?

Drei Deutungsebenen

Es ist nicht nötig, an dieser Stelle über richtig oder falsch zu diskutieren. In einer Legende wie dieser gibt es – ähnlich wie in den heiligen Schriften der Völker – immer verschiedene Ebenen des Verständnisses und der Deutung. Man kann sagen, dass jeder darin die Aspekte wiederfindet, die seinem eigenen Bewusstseinszustand entsprechen.

Dabei lassen sich ganz grob drei Ebenen unterscheiden:

1.das Verständnis dem Körperlichen, Persönlichen nach
2.das Verständnis der Seele nach
3.das Verständnis dem Geist nach.

Hermes Trismegistos sagt: „Wie oben, so unten.“ Damit wird ausgedrückt, dass eine geistige Realität sich im Seelischen und im Körperlichen analog abbildet, beziehungsweise umgekehrt: dass ein körperliches, materielles Symbol – wie der Gral – eine Entsprechung im Seelischen und Geistigen hat. Goethe hat das mit dem Satz ausgedrückt: „Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.“

Der Gral – ein magischer Gegenstand?

In früheren Zeitaltern war der Schleier zwischen der materiellen und der feinstofflichen Welt noch nicht so dicht, und so konnte es geschehen, dass materielle Gegenstände zeitweise mit besonderen Kräften aufgeladen wurden, damit die Menschen im Äußeren erleben konnten, was eigentlich innerlich mit ihnen geschehen sollte. Auch das ist ein Aspekt der alten Gralslegende.

Heute jedoch, im Zeitalter der Individualisierung und Eigenverantwortung des Menschen, im Zeitalter des Aquarius, ist diese alte Magie nicht mehr im befreienden Sinne wirksam. Deshalb ist es heute nicht nur sinnlos, sondern irreführend, das Heil von einem magischen Gegenstand oder einer anderen Person zu erwarten – sei es nun ein historisches Gefäß oder eine Person aus besonderem Geblüt.

Heute geht es darum, dass der Mensch von innen heraus erkennt und versteht, dass er selbst zum Gralssucher berufen ist und den Gral in sich selbst verwirklichen muss, um in ein höheres Leben, in einen neuen Bewusstseinszustand einzutreten.

Teil 2: Das Mysterium des Heiligen Grals
Parsifal, die Gralsburg und andere geheimnisvolle Figuren
Der Legende nach ist Parsifal, der Gralssucher, ein edler Ritter mit einem reinen Gemüt– mutig, tapfer und ausdauernd in seinem Streben nach dem Gral. Doch es gibt noch andere Ebenen des Verständnisses der geheimnisvollen Figuren, die weit darüber hinausgehen.

Der Gralssucher als edler Ritter – das ist das klassische Bild von Parsifal, wie es in verschiedenen Texten überliefert ist. Das ist aber nicht alles! Parsifal ist jedenfalls nicht damit zufrieden, edel, mutig und tapfer zu sein, obwohl es ihm äußerlich betrachtet damit recht gut geht als Ritter.

Seine Seele erfährt eine Berufung, die weit darüber hinausgeht. Seine Tapferkeit, sein Edelmut sind nur die äußerlichen Auswirkungen davon, was in ihm als seelischer und geistiger Weg keimhaft angelegt ist. Diesen Weg muss er finden – durch viele Irrfahrten und Prüfungen hin.

Was aber hat es mit den anderen Figuren der Legende auf sich, und was ist eigentlich die Gralsburg? Bevor das hier weiter untersucht wird, ist es vielleicht an der Zeit, kurz den Inhalt der Legende in Erinnerung zu rufen.

Die Gralslegende nach Chrestien de Troyes

Eine inhaltliche Wiedergabe der Gralslegende ist nur ungefähr möglich, denn sie liegt in mehreren Überlieferungen vor, die sich im Laufe der Jahrhunderte verschieden ausgeprägt haben. Eine der ältesten Fassungen aus dem Jahre 1188 trägt den Titel: „Die Geschichte des Grals“. Sie stammt von dem französischen Minnesänger Chrestien de Troyes. Held des Versepos ist Perceval, der als Kind bei seiner Mutter Herzeleide fernab der Gesellschaft in einem Wald großgezogen wurde. „Perceval“ bedeutet: „Mitten hindurch“.

Nachdem er einmal im Wald einem Ritter begegnet ist, fühlt er sich schon in sehr jungen Jahren zum Rittertum berufen und hingezogen zum Hof des Königs Artus mit seiner Tafelrunde edler Ritter. Tapferkeit und Edelmut zeichnen den jungen Perceval aus, aber auch eine besondere Reinheit des Gemüts. Bei Richard Wagner wird dieser Gemütszustand später als „reiner Tor“ beschrieben.

Eines Tages begegnet der junge Ritter einem Fischer, der sich als Gralskönig erweist und an einer schweren Krankheit leidet. Auf dessen Burg empfängt Perceval ein kostbares Schwert und erlebt eine mysteriöse Prozession, bei der, wie es heißt, „ein Gral und eine blutende Lanze“ in den Saal getragen werden. Der Gral wird hier als kostbare Schale aus Gold dargestellt, von der ein strahlender Glanz ausgeht. Die während der Zeremonie eingenommenen Speisen verleihen Unsterblichkeit.

Perceval betrachtet das alles mit großem Staunen, versäumt aber, aufgrund seiner jugendlichen Naivität und Ahnungslosigkeit, die entscheidende Frage an den Burgherren zu richten, die alle Anwesenden von ihm erwarten:

„Woran leidest du? Und was hat es mit dem Gral auf sich?“

Er wird mit Spott und Hohn wieder hinausbefördert – in die Welt des normalen Ritterlebens. Zurück am Hofe des Artus, begegnet er Kundry, einem missgestalteten Weib, das ihn wegen seines Versagens auf der Burg übel beschimpft und ihm eröffnet: Wenn er die Frage gestellt hätte, wäre der Fischerkönig von seinem Leiden geheilt gewesen. Bestürzt macht sich Perceval daraufhin erneut auf den Weg, um die Gralsburg zu finden.

Aber erst nach Jahren vieler Irrfahrten und Prüfungen trifft er schließlich auf einen alten Eremiten, der ihn über die wahren Zusammenhänge mit dem Gral aufklärt.

Hier endet diese Erzählung Chrestien de Troyes über Perceval. Das Epos ist Fragment geblieben. Der Weg zum Gral endet für ihn dort, wo Perceval Einblick in göttliches Wirken empfängt, wo ein neues Bewusstsein in ihm zu erwachen beginnt.

Dem Fortgang der Handlung soll später anhand anderer Quellen weiter gefolgt werden. Zunächst geht es jetzt um die Frage:

Was und wo ist die Gralsburg?

Im ersten Teil dieser Artikelreihe wurde die Aussage des Hermes Trismegistos über den Gral zitiert. Dort wurde der Gral als ein Krater beschrieben, den Gott in die irdische Welt eingesenkt hat, um den Menschen darin die heiligen Speisen des Geistes reichen zu können.

Die Gralsburg kann als die Sphäre verstanden werden, in der Gott – der Geist – dem Menschen begegnen kann. Diese Sphäre ist die Ebene der Seele. Jedoch ist hiermit nicht die gewöhnliche, sterbliche Seele gemeint, sondern die wahrhaft göttliche Seele, die im körperlichen Menschen als ein Keim verborgen liegt.

Die Rosenkreuzer nennen diesen Seelenkeim die „Rose des Herzens“. Das Symbol der Rose taucht nicht selten im Zusammenhang mit dem Gral auf, so übrigens auch in dem Buch „Sakrileg“. Dort ist von der „Rose Lane“ die Rede – eine geheime Verbindungslinie zwischen verschiedenen bedeutungsvollen Orten, die in einer Kapelle in Schottland endet.

Die Rose des Herzens entstammt nicht der gewöhnlichen Welt mit ihrem Diesseits und Jenseits, sondern sie entstammt einer Sphäre, die in der Bibel als „Paradies“ angedeutet wird. Es ist das Feld der Ewigkeit, die keine Gegensätze und auch den Tod nicht kennt. Diese Sphäre ist das „ferne Land“ aus der Gralserzählung.

Deshalb ist die Sphäre der Gralsburg auch nicht ohne weiteres zugänglich. Für das gewöhnliche, auf die sterbliche Natur gerichtete Bewusstsein ist sie verborgen und unsichtbar. Sie kann aber gefunden werden vom Gralssucher – von dem Menschen also, der begonnen hat, der quälenden Frage des unsterblichen Seelenkerns in sich selbst zu folgen und den Weg eines inneren Veränderungsprozesses zu suchen. Dieser Mensch wird einst Amfortas begegnen, dem Fischerkönig, der ihn mitnimmt in die Gralsburg.

Amfortas und die tragische Vorgeschichte der Parsifal-Episode

Der Legende nach ist Amfortas ein verwundeter Priesterkönig. Er steht der Bruderschaft des Grals vor, die auf der Gralsburg wohnt. Sein Amt ist es, regelmäßig in einer rituellen Handlung den Gral zu enthüllen. In den enthüllten Gral senkt sich dabei von oben herab das Licht Gottes ein – häufig symbolisch in Gestalt einer Taube dargestellt – , das sich im Gral in eine heilige Speise verwandelt. Die Brüder des Grals empfangen daraus eine Speisung, die unsterblich macht. So wird es unter anderem bei Richard Wagner in seiner Oper „Parsifal“ dargestellt.

Nur Amfortas kann dieses Amt ausführen. Es bereitet ihm jedoch wegen seiner Verletzung unendlichen Schmerz. Diese Verletzung ist ihm durch seinen eigenen Speer beigebracht worden, der ihm zuvor von einem abtrünnigen Bruder entwendet wurde. Dieser hatte die Gralsburg in Eigenwilligkeit verlassen und den dunklen Weg, den Weg zur Linken, den Weg der schwarzen Magie gewählt. Er heißt Klingsor. Klingsor hatte Amfortas dazu verleitet, aus eigenem Willen gegen das Böse in den Krieg zu ziehen.

Der verhängnisvolle Kampf mit dem Bösen

Amfortas war der Versuchung erlegen, die Gralsburg zu verlassen und in den Streit mit der Welt einzutreten. Er führt nun ein Dasein zwischen Leben und Tod. Er kann nicht sterben, aber das Leben ist ihm eine Qual, denn seine Wunde ist unheilbar. Nur ein reiner Tor, der aus Mitleid die entscheidende Frage stellt: „Warum leidest du?“, kann ihn davon heilen und ihn von seiner Qual erlösen.

In einer Legende wie dem Gralsepos ist es so, dass auf einer bestimmten Deutungsebene jede äußerliche Person als ein innerer Aspekt des Helden verstanden werden kann. Was Parsifal hier sieht, ist ein äußeres Spiegelbild dessen, was in ihm selber aktuell ist, und er begegnet diesem Spiegelbild genau in dem Moment, als er durch das Leben selbst aufgefordert ist, diesen Aspekt zu erkennen, zu verstehen und aufzulösen, zu er-lösen.

Nach diesem Verständnis ist Amfortas also dasjenige, was in ihm selbst leidet und was ihn letztlich zur Gralssuche inspiriert hat. Es ist sein gefallener innerer Wesenkern, der einst der Versuchung erlegen ist, sich mit der Welt der Gegensätze zu verbinden und dadurch in den Streit mit dem bösen Aspekt dieser Welt einzutreten.

Dadurch wurde er der unmittelbaren Verbindung mit dem Heiligen Geist Gottes beraubt. Das Symbol für den Geist ist der Speer. Der Verlust des Heiligen Geistes, den er als ein schöpferisches Vermögen besaß, hat die unheilbare Wunde hinterlassen. Und es bedarf nun einer Persönlichkeit, die den innerlichen Weg wieder freilegt, um die erneute Geistbindung der Seele zu ermöglichen. Ein solcher Mensch wird in Legenden als der „Held“ dargestellt, in diesem Fall ist es Parsifal.

Es erscheint manchmal nicht so einfach, Äußeres und Inneres in dieser Weise einzuordnen. Man ist es sonst eher gewöhnt, innere Dinge nach außen zu projizieren, als die Projektionen wieder zurückzuholen. Deshalb ist es an dieser Stelle sinnvoll, einiges darüber zu sagen, welches Menschenbild die Rosenkreuzer einer derartigen Sicht zugrunde legen.

Exkurs: Das Menschenbild der Rosenkreuzer

Nach dem rosenkreuzerischen Verständnis rührt die eingangs erwähnte prinzipielle Unruhe und Unzufriedenheit eines Gralssuchers daher, dass in ihm etwas anwesend ist, das nicht aus dieser Natur stammt. Nach diesem Verständnis sieht – und erfährt – der Mensch sich als ein zweifaches Wesen. Der Persönlichkeit nach gehört er zur sterblichen Natur mitsamt seinem Intellekt, seinem Gefühl und seiner sterblichen Beseelung. In Wirklichkeit ist er jedoch mehr: nämlich ein unsterblicher Mikrokosmos, eine Welt im Kleinen, in der einst eine unsterbliche Ausdrucksform mit einem selbstschöpferischen Vermögen anwesend war. Sie wurde durch den „Fall“ in die Welt der groben Materie zerstört.

Dieser Fall wird in der Legende als die Versuchung beschrieben, der Amfortas erlegen ist. Seit dieser Zeit muss der menschliche Mikrokosmos immer wieder in der sterblichen Materie inkarnieren, um Erfahrungen zu sammeln und einmal den Weg zurück in die ursprüngliche Welt zu finden, aus der er gefallen ist. Am Ende eines Menschenlebens stirbt die aus der Natur entstandene Persönlichkeit. Die Erfahrungsernte ätzt sich jedoch in den Mikrokosmos ein und steht als karmisches Erbe in der nächsten Inkarnation zur Verfügung.

Die wahre Ursache des Leidens erkennen

Der unsterbliche Kern des Mikrokosmos, die fast zerstörte unsterbliche Seele, von der allein die Rose zurückgeblieben ist, leidet jedoch bei diesem immer währenden Untertauchen in die sterbliche Natur. Sie will das eigentlich nicht. Sie leidet daran, hier in unserer Welt gebunden zu sein und ständig hin- und hergeworfen zu werden zwischen Gut und Böse, Tag und Nacht, Leben und Tod.

Die Ursache dieses Leidens im eigenen Wesen zu erfahren und zu erkennen, bedeutet, die Frage zu stellen: „Oheim, woran leidest du?“ Amfortas verkörpert die Erfahrung im eigenen Inneren, einmal mit dem Geist Gottes verbunden gewesen zu sein, nun aber bei jeder Geistberührung einen brennenden Schmerz zu erfahren. Diese Situation kann nur beendet werden durch Erlösung.

Zu diesem Punkt muss ein Mensch im Laufe der vielen Inkarnationen aber erst einmal heranreifen. Man kann ihn nicht von außen dahin treiben und ihm sagen, was er tun soll, sondern er muss selbst darauf kommen.

Deshalb wurde Parsifal, als er die Frage bei seinem ersten Besuch in der Gralsburg nicht stellte, wieder in das gewöhnliche Leben zurückgeschickt und musste dort kämpfen, bis er ermüdet war und dem Eremiten begegnen konnte, der ihm nun alles erzählen dufte, was er wissen musste.

Teil 3: Das Mysterium des Heiligen Grals
Der Eremit, die letzte Versuchung und die Rückkehr des Speeres
Bei Richard Wagner antwortet der Eremit auf die Frage Parsifals nach dem Gral: „Das sagt sich nicht. Doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.“ Erkoren ist der Mensch, der den Gral in sich selber sucht und findet.

Das Wissen um den Gral, um das Mysterium der Unsterblichkeit, ist in jedem Menschen verborgen. Wenn in einem irdischen Leben aus innerer Erfahrung der rechte Zeitpunkt gekommen ist, dann nimmt dieses Wissen, bildlich gesprochen, die Gestalt eines Eremiten an. Es ist das Wissen, das im Herzen aufsteigt, wenn der Mensch aufgehört hat, den Schätzen dieser Natur nachzujagen und er anfängt, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Dieses Wissen führt den reif gewordenen Menschen dann zum zweiten Mal in die Gralsburg.

In Wagners Oper wird der Gralssucher Parsifal vorher noch einmal in Versuchung geführt. Der Bruder aus der Dunkelheit, Klingsor, lässt vor ihm einen Zaubergarten entstehen, in dem er von wunderschönen Blumenmädchen mit astralem Blendwerk umgarnt wird. Es ist die Sphäre der Begierden, die astrale Sphäre dieser Natur, in welcher der Fischerkönig Amfortas und andere umherwandernde Gralsritter einst der Verführung erlagen.

Für Parsifal ist das eine leichte Übung. In seinem Wesen gibt es keinen Anknüpfungspunkt mehr für die niederen Begierden, und so durchschreitet er den Zaubergarten unbeschadet. Doch so leicht kommt er nicht davon.

Kundry – die Versuchung

Jetzt tritt Kundry auf den Plan. Kundry ist eine Frau, die bei Richard Wagner in der Sphäre der Gralsburg als hässliche Alte auftritt, in der gewöhnlichen Welt jedoch als strahlende, verführerische Schönheit. Kundry verkörpert dasjenige im mikrokosmischen Wesen des Menschen, das auch „der Hüter der Schwelle“ genannt wird. Es ist die Zusammenballung aller Begierdenkräfte der sterblichen Natur in uns. An diesem Hüter der Schwelle muss jeder vorbei, der nachhaltig in die Sphäre der Gralsburg eintreten will. Der Legende nach wandert Kundry seit Amfortas‘ Verletzung in der Welt umher, um ein Heilmittel für seine Wunde zu finden. Doch welche kostbaren Essenzen sie auch herbeischafft – kein Mittel dieser Welt kann Amfortas heilen.

Auch Parsifal fühlt sich zunächst zu Kundry hingezogen. Sie schließt ihn in die Arme und zieht in herab zu sich. Fast wäre auch er ihrem Zauber erlegen. Aber als sie ihn küssen, sich also mit ihm verbinden will, öffnet das im Bruchteil einer Sekunde seine innere Schau. In einem visionären Augenblick erkennt er plötzlich, was Amfortas einstmals zugestoßen ist.

Er sieht das Leiden der Natur, die sich wie er selbst nach Erlösung sehnt, und erkennt seine Aufgabe durch tief empfundenes, schier unendliches Mitleid mit der geschundenen Kreatur. Er, einstmals der „reine Tor“, wird „durch Mitleid wissend“. Er stößt Kundry zurück. Doch durch den Weg in die Gralsburg, den er nun findet, wird auch sie erlöst von ihrer äonenlangen Wanderschaft und ihrer stets vergeblichen Suche nach einem Heilmittel für Amfortas, den Fischerkönig.

Der heilige Speer kehrt zurück

Amfortas konnte einst der Versuchung durch Kundry nicht widerstehen und wurde deshalb angreifbar. Der dunkle Bruder Klingsor, der den Weg zur Linken gewählt hatte, raubte ihm den Speer und schlug damit die unheilbare Wunde.

Jetzt, nachdem Parsifal seine Prüfung bestanden hat, schleudert Klingsor voller Wut den Speer nach ihm. Doch der Speer bleibt über Parsifals Haupt stehen, und er kann ihn als rechtmäßiger Besitzer ergreifen und mitnehmen in die Gralsburg, um Amfortas‘ Wunde damit zu schließen. Der Speer ist das Symbol für den Heiligen und heilenden Geist Gottes. Er ist das einzige Heilmittel für diese Wunde.

Amfortas kann nun endlich sterben. Parsifal ist durch die Begegnung mit Kundry „durch Mitleid wissend“ geworden. Seine reine, unsterbliche Seele hat das Leid der unerlösten Welt geschaut und ist nun bereit, in die Mysterien des Geistes einzutreten. Parsifal ist jetzt der Priesterkönig, der Geist-Seelen-Mensch, der für die Bruderschaft und für die Menschheit den Gral enthüllt, um das Licht Gottes als heilige Speise auszuteilen.

So endet die Legende in der Wagneroper. Doch dieses Ende ist das Ziel eines jeden wahren Gralssuchers – heute wie zu allen Zeiten.

Die Gralssuche eines spirituellen Menschen besteht heute darin, ein Leben zu führen, das auf die Wiedergeburt der unsterblichen Seele gerichtet ist. Es ist ein Leben, das auf den Weg der christlichen Einweihung führt, den Weg zum inneren Licht der Seele und des Geistes.

Teil 4: Das Mysterium des Grals
Die Gralslegende um Joseph von Arimathia
In der Gralslegende um Joseph von Arimathia, aufgeschrieben von Robert de Boron im 12. Jahrhundert, wird das hermetische Bild des heiligen Grals mit der Heilsgeschichte Christi verbunden.

Neben den in Teil 1 bis 3 beschriebenen Überlieferungen der Gralslegende nach Chrestien de Troyes und Richard Wagner gibt es unter anderen noch eine weitere Ausprägung der Gralslegende: die Sage von Joseph von Arimathia. Robert de Boron schrieb im 12. Jahrhundert einen Versroman, die „Erzählung von der Geschichte des heiligen Grals“. Sie verbindet die Gralslegende mit der Heilsgeschichte Christi.

Der Gral wird hier als der Kelch dargestellt, den Jesus beim letzten Abendmahl verwandte. In demselben Kelch fing Joseph von Arimathia unter dem Kreuz das Blut Jesu auf. Joseph von Arimathia war auch derjenige, der ein Grab besaß, in das er den Körper Jesu nach der Kreuzigung legte.

Er gründete – so heißt es in dem Epos – eine Gemeinde und zog mit ihr in ein fernes Land. Als in der Gemeinde sündhaftes Verhalten auftrat, trennte Joseph die Reinen von den Unreinen, indem er zum gemeinsamen Mahl das Gralsgefäß auf den Tisch stellte. Nur die Reinen vermochten an der Tafel Platz zu nehmen. Joseph setzte 12 Personen zu Hütern des Grals ein. Einer von ihnen wurde „der reiche Fischer“ genannt. Sie zogen im Auftrag Josephs mit dem Gral in den Westen.

In den vorangegangenen Ausführungen dieser Artikelreihe über den Gral wurde darauf hingewiesen, dass die Gralslegende mehrere Schichten des Verständnisses beinhaltet und verschiedene Deutungen zulässt. Da sind immer die drei grundsätzliche Ebenen des Verständnisses: der Persönlichkeit, der Seele und dem Geist nach. Das gilt auch für die Sage über Joseph von Arimathia.

Der kosmische Gral

Es gibt nicht nur einen individuellen Weg zum Gral, es gibt auch ein übergreifendes kosmisches Geschehen, durch das der individuelle Weg überhaupt erst möglich wird.

Das „ferne Land“, das göttlich-geistige Gebiet, in das die Gemeinde Josephs von Arimathia der Sage nach gezogen ist, umschließt nicht nur individuell jeden Menschen als Mikrokosmos, sondern es umschließt auch die Erde als Kosmos. So wie die Sonne im Osten aufgeht und im Westen untergeht, so wird eine göttlich-geistige Sphäre, ein Kraft- und Lichtfeld um die Erde gezogen und instand gehalten. Es ist die Gralssphäre im Gebiet der Erde.

Joseph von Arimathia und die zwölf Gralsritter, von denen gesprochen wird, symbolisieren diejenigen kosmischen Kräfte, die diese Sphäre instandhalten, um für die Menschheit den Weg zum Licht offen zu halten.

Manche Gedanken erscheinen der Persönlichkeit vielleicht seltsam und scheinbar schwer verständlich. Für die Seele können sie jedoch die Nahrung sein, nach der sie schon lange verlangt hat. Und für den Geist Gottes, der sich einmal im Menschen offenbaren möchte, bildet eine wissende Seele den Heiligen Gral, in den er sich ergießen kann.

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2 Gedanken zu “Der heilige Gral

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